Das Immunsystem ist ein komplexes Netzwerk von Zellen, Geweben und Organen, das als Wächter für unseren Körper fungiert: Es bekämpft krankheitsverursachende Keime wie Bakterien, Viren oder Pilze, erkennt schädliche Substanzen, neutralisiert sie und macht gegen Krebszellen mobil. 

«Dabei ist das Immunsystem eines jeden Menschen einzigartig und komplex», sagt Psychoneuroimmunologe Dr. Samuel Gehrke, Stationsarzt am Sanatorium Kilchberg. «Die Anzahl und Art der Immunzellen und deren Aktivität werden von vielen Variablen beeinflusst.» 

Wie Kinder Abwehrkräfte entwickeln

So ist das Immunsystem eines Säuglings erst mit zwei bis drei Monaten ausgereift. Es ist zu Beginn von den Antikörpern abhängig, die das Neugeborene von der Mutter erhalten hat. «Wenn wir heranwachsen, entwickelt sich das Immunsystem weiter», erklärt der Arzt, «abhängig von der Nahrung, der Umwelt und vor allem davon, mit welchen Mikroben wir in Kontakt kommen.» 

Können Eltern denn etwas dafür tun, um das Immunsystem ihrer Kinder zu stärken? «Eigentlich das, was alle Grossmütter sagen: Ernähren Sie sie gesund, lassen Sie sie ruhig mal mit Erde spielen, sorgen Sie für genug Schlaf, ermutigen Sie sie, verbringen Sie Zeit mit der Familie und schaffen Sie Gelegenheiten für Ihre Kinder, über alles zu sprechen, was sie beunruhigt.» Die Pandemie habe viele Kinder depressiv oder ängstlich gemacht, weiss der Arzt. Ein besonderes Augenmerk auf Stimmungsumschwünge sei deshalb aktuell besonders wichtig.

Mehr Infektionen durch Stress

Und was schwächt das Immunsystem? Hier ist Samuel Gehrkes Antwort eindeutig: «Chronischer Stress, zum Beispiel bei ständigem Leistungsdruck in der Schule. Das gilt natürlich genauso für Erwachsene: Wenn jemand viel mit dem Partner streitet, unglücklich bei der Arbeit ist oder sich täglich stundenlang im Stau aufregt, dann perlt dies nicht einfach ab.» 

«Wenn jemand viel mit dem Partner streitet, unglücklich bei der Arbeit ist oder sich täglich stundenlang im Stau aufregt, dann perlt dies nicht einfach ab.»  

Chronische Belastungen veranlassen das Gehirn zur Ausschüttung vor allem von Adrenalin oder Cortisol. «Diese Stresshormone wirken direkt im Immunsystem und setzen dessen Funktion herab», weiss der Arzt. «Die Fähigkeit der Immunzellen, sich zu vermehren, um Krankheitserreger abzutöten, lässt nach. Die Menge an Antikörpern im Speichel sinkt.» Und gerade der sei unsere erste Abwehr gegen Mikroben aus Lebensmitteln und schütze uns vor Erkältungen und Angina. 

Chronisch gestresste Menschen sind erwiesenermassen öfter erkältet oder haben Grippe; Frauen leiden vermehrt unter Harnwegsinfekten. Bestehende Krankheiten wie Ekzeme oder Asthma können sich verstärken. 

Hinzu kommen oft Symptome, die sich körperlich nicht erklären lassen: undefinierte Schmerzen, Schwindel, Tinnitus, Magen-Darm-Beschwerden oder eine beeinträchtigte Sexualität. «Tatsächlich findet man bei etwa 25 Prozent der Patientinnen und Patienten, die sich bei der Notaufnahme melden, keine körperlichen Ursachen», weiss Samuel Gehrke. 

Positive Gedanken stärken das Immunsystem

Stress und Krankheitssymptome machen schlechte Stimmung, die sich zu Depressionen oder Angststörungen auswachsen kann. Und pessimistische Gedanken wirken sich wiederum auf das Immunsystem aus: ein Teufelskreis. «Studien belegen, dass Menschen mit positiveren Gedanken sogar besser auf Impfstoffe reagieren», so der Experte. «Hat man früher schon gesagt ‘Lachen ist gesund’, so lässt sich diese Volksweisheit heute biochemisch beweisen. Lange Zeit dachte man in der Forschung, dass Nerven- und Immunsystem gar nicht miteinander kommunizieren würden. Heute weiss man, dass sie über Botenstoffe – sogenannte Zykotine – in regem Austausch miteinander stehen.» 

«Hat man früher schon gesagt ‘Lachen ist gesund’, so lässt sich diese Volksweisheit heute biochemisch beweisen. Lange Zeit dachte man in der Forschung, dass Nerven- und Immunsystem gar nicht miteinander kommunizieren würden. Heute weiss man, dass sie über Botenstoffe – sogenannte Zykotine – in regem Austausch miteinander stehen.»  

Bei akuten Krisen professionelle Hilfe 

Wenn schwere Stimmungsprobleme vorliegen, sollte man professionelle Hilfe aufsuchen, rät Samuel Gehrke. Der Hausarzt sei dabei immer eine gute Option, er kann auch eine Psychotherapie empfehlen, falls dies angebracht ist. In akuten Notfällen findet man beispielsweise über www.depressionen.ch Kriseninterventionszentren in der eigenen Region.

«Die Volksweisheit ‘Lachen ist gesund’ lässt sich heute biochemisch nachweisen.»

So stärken Sie Ihr Immunsystem

Was kann man tun, um dunkle Seelenwolken zu vertreiben und zugleich das Immunsystem zu verbessern? 

  1. In den Wald gehen

    Sie müssen keine Bäume umarmen. Aber schon ein 20 bis 30-minütiger Waldspaziergang senkt Cortisolspiegel, Blutdruck und Herzfrequenz. Gehen Sie am besten zwei Mal pro Woche und geniessen Sie das Grün – oder das Blätterrascheln unter den Füssen.

  2. Emotional gesund essen

    Vollkornprodukte, mageres Fleisch, Gemüse, Obst, Bohnen und Nüsse: Eine gesunde Ernährung stärkt die Seele – und gemeinsam Kochen macht erst recht Spass. Ergänzungen wie Zink, Magnesium und Vitamine (insbesondere D) können ebenfalls nützen. 

  3. Als Familie entspannen

    Meditation, Yoga oder Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung kann man auch als Familie gemeinsam ausprobieren – gerade Kinder haben dann mehr Freude daran, bleiben am Ball und bauen Stress ab.

  4. Mal weg vom Bildschirm

    Last, but not least: Begrenzen Sie Ihre Zeit am Handy, TV oder Laptop,  damit Sie Zeit haben, die oben genannten Dinge zu tun. Achten Sie darauf, dass Ihre Kinder nicht die Lust verlieren, im «echten Leben» zu kommunizieren. Und jetzt: Gummistiefel an und zurück zu Tipp 1!

Wie gut Bewegung dem Immunsystem tut, erfahren Sie in unserem Beitrag «Mit Wintersport zu einem starken Immunsystem»: Darin geben Ex-Skiprofi Didier Plaschy und Fitnessexperte Savo Hertig praktische Tipps. 

Dr. Samuel Gehrke ist Arzt auf der Akutstation des Sanatoriums Kilchberg. Sein Spezialgebiet ist die Psychoneuroimmunologie, die sich mit dem Einfluss der Psyche auf das Immunsystem befasst.