Achtsam durch den Wald

Was ist Waldbaden überhaupt und wie funktioniert es genau? Die KPT-Mitarbeiterin Natalie Portmann hat es zusammen mit der Achtsamkeitstherapeutin Sonja Grossenbacher im Berner Häutligen-Wald in der Nähe von Konolfingen ausprobiert – und war am Schluss ein bisschen überrascht.

Was ist Waldbaden genau?


Der Begriff «Waldbaden» hat nichts mit Baden in einem Waldbächlein zu tun. Es geht vielmehr um das bewusste Eintauchen in die einzigartige Atmosphäre des Waldes – und das mit all unseren Sinnen. Ziel ist es, dass wir uns entspannen, den Fokus wechseln und mehr Wohlbefinden mit nach Hause nehmen.


Von wo kommt das Waldbaden überhaupt?


Der Ursprung hat das Waldbaden - oder auch Shinrin Yoku genannt - in Japan. Dort wird es schon seit 30 Jahren praktiziert und sogar ärztlich verschrieben. In Japan werden zudem zahlreiche Studien zur Heilwirkung des Waldes gemacht. Mittlerweile forschen auch andere Ländern dazu. Zum Beispiel Deutschland, Schweden, USA oder Neuseeland.


Für manche klingt das Waldbaden vielleicht etwas esoterisch. Was würden Sie solchen kritischen Stimmen sagen?


Für mich hat das Waldbaden nichts mit Esoterik zu tun. Es geht darum, die Natur wahrzunehmen und einen Weg zu finden, unsere Alltagssorgen hinter uns zu lassen. Durch das Achtsamkeitstraining im Wald taucht man in eine ganz andere Welt ein. Ziel ist es, abschalten zu können. Das ist im normalen Alltag meist schwierig. Wir können schon sagen: Jetzt schalte ich ab. Das funktioniert aber nur selten. Im Wald hingegen gelingt uns das viel besser.


Wenn ich jetzt in den Wald gehe und ein «Waldbad» nehmen möchte – wie gehe ich da am besten vor?


Das Wichtigste beim Waldbaden ist es, alle seine Sinne zu öffnen und zu nutzen. Was rieche ich? Was höre ich? Wie fühlt sich die Rinde des Baumes an? Dabei kann mich sich immer wieder fragen: Was löst das in mir aus? Wie fühle ich mich dabei? Eine Übung ist z.B., sich auf einen Baumstrunk zu setzten, die Augen zu schliessen und mal fünf Minuten der Natur zuzuhören. Dabei hört man Geräusche, die man vorher gar nicht wahrgenommen hat. Oder man kann mal die Schuhe ausziehen und barfuss über das Moos laufen – das ist ein tolles Gefühl, kann ich nur empfehlen.


Er bringt unser vegetatives Nervensystem ins Gleichgewicht. Ausserdem werden Adrenalin und auch andere Stresshormone abgebaut. 

Und was passiert in solchen Momenten genau in unserem Körper?


Unser Parasympathikus wird z.B. aktiviert. Das ist der Nerv der Ruhe. Er bringt unser vegetatives Nervensystem ins Gleichgewicht. Ausserdem werden Adrenalin und auch andere Stresshormone abgebaut. Regelmässige Achtsamkeitsübungen im Wald helfen zudem den Blutdruck und den Cholesterin-Spiegel zu senken. Dafür muss man nicht jeden Tag in den Wald – ich empfehle ungefähr dreimal in der Woche eine bis zwei Stunden im Wald zu verbringen.


Hat das Waldbaden auch positive Auswirkungen auf psychische Erkrankungen?


Ja, auf jeden Fall. Ich gehe oft mit Menschen in den Wald, die an Depressionen oder einer Angststörung leiden. Dafür ist das Waldbaden genial. Diese Menschen sind oft in ihren negativen Gedanken gefangen, sind traurig und kraftlos. Durch die Übungen im Wald kommen sie in einen ganz anderen Fokus und haben plötzlich wieder positive Gedanken, Gefühle und Emotionen.


Wenn ich das Waldbaden ausprobieren möchte – kann ich da selbst losziehen oder brauche ich einen Kurs dafür?


Das Waldbaden kann man auf alle Fälle selbst praktizieren. Ich empfehle zu Beginn allerdings einen Kurs, um zu erfahren, was Waldbaden überhaupt ist und was es alles für Möglichkeiten und Achtsamkeitsübungen gibt. So, dass man eine grobe Ahnung hat, was man dann selbst im Wald machen könnte.


Gibt es Jahreszeiten, die besser geeignet sind für das Waldbaden?


Nein, jede Jahreszeit ist spannend. Im Winter braucht es vielleicht etwas mehr Überwindung. Wenn man den inneren Schweinehund aber mal überwunden hat, ist es wunderschön. In den kalten Jahreszeiten ist es im Wald meist noch ruhiger. Im Frühling, Sommer und Herbst passiert allerdings etwas ganz Besonderes im Wald.


Was denn?


In diesen Jahreszeiten schwirren ätherische Öle in der Waldluft herum. Darin sind chemische Pflanzenstoffe enthalten – unter anderem die sogenannten Terpene. Diese stärken unser Immunsystem. Das kann man anschliessend sogar im Blut nachweisen. Wenn wir also einen längeren Waldspaziergang von ca. zwei bis drei Stunden machen, atmen wir diese Terpene ein. Dadurch vermehren sich die Killerzellen in unserem Blut. Also die Zellen, die entartete Zellen oder von Viren befallene Zellen abtöten.


Nun gibt es auch Menschen, die nicht in der Nähe von einem Wald leben. Gibt es Übungen, die auch ohne Wald funktionieren?


Klar. Man kann z.B. einen Tannenzweig mit ins Büro nehmen und mal fünf Minuten Waldbaden. Dafür reibt man die kleinen Ästchen und Nadeln aneinander und riecht daran. Das ist extrem erfrischend und teleportiert einem fast in den Wald. Oder man kann sich mal fünf Minuten Zeit nehmen, aus dem Fenster schauen und die Natur beobachten. Solche kleinen Pausen und Übungen bringen uns wieder ins Hier und Jetzt.

Sonja Grossenbacher ist gebürtige Emmentalerin mit Studium in Wald und Gesundheit sowie in (Sport-)Psychologischer Beratung und Coaching. Sie organisiert und führt diverse Waldbade-Touren, Workshops und Kurse durch.

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